So natürlich wie möglich – Dieter David Scholz – Juni 2001 – from Opernwelt

Juni 2001

So natürlich wie möglich

Zehn Jahre leitete er eine Möbelfabrik in Cordoba, bevor seine Stimme entdeckt und ausgebildet wurde. 1991 fiel Marcelo Alvarez bei einem Vorsingen auf, nahm Gesangsunterricht und startete eine beispiellose Blitzkarriere. Schon 1995 gewann er einen Gesangswettbewerb in Pavia und wurde ans La Fenice in Venedig engagiert. Binnen kurzem folgten Auftritte in Londons Covent Garden, an der Metropolitan Opera, in Mailands La Scala, an der Bastille-Oper in Paris, in Wien und in München. Im vergangenen Jahr wurde er auch «Echo»-Klassik-Preisträger.

In die Wiege gelegt wurde Ihnen das Singen nicht, Herr Alvarez, Sie sind ja über einen Umweg zur Musik gekommen.

Aber ich bin zu meinen Ursprüngen zurückgekehrt, denn als Kind ging ich schon in eine Musikschule. Damals war Musik für mich das Wichtigste. Und plötzlich beschränkte sich mein Leben auf das Arbeiten mit Zahlen. Dreizehn Jahre lang lebte ich fern von der Musik. Sie war nur noch ein Hobby. Aber im Alter von Dreißig gelang es mir auf intensives Zuraten meiner Freunde und professioneller Ratgeber, endgültig zur Musik zurückzukehren, und ich bin sehr dankbar dafür.

Hatten Sie Idole, als Sie beschlossen, Opernsänger zu werden?

Keine wirklichen, denn es gab für mich immer viele Sänger, die ich bewunderte. Und ich war immer der Auffassung, dass ich aus mir heraus etwas leisten müsse, dass ich meine sängerische Identität nur aus mir entwickeln könne. Da gilt kein Kopieren! Natürlich habe ich live oder auf CD Alfredo Kraus, Jussi Björling, Enrico Caruso oder Luciano Pavarotti gehört. Aber ich habe sie immer auch kritisch gehört und war nie mit allem einverstanden, was sie machten. Ich hatte immer genaue Vorstellung, wie ich diese oder jene Partie singen würde. Singen ist für mich eine ganz individu­elle körperliche und geistige Ausdrucksform, eine Art Sprache. Deren Vokabular und Grammatik kann man nicht nur, sondern muss man lernen. Aber jeder spricht dann doch seine persönliche Sprache.

Wer hat Ihnen denn dieses Vokabular und die Grammatik beigebracht?

Meine wichtigste Lehrerin war Norma Riso in Cordoba, deren Technik übrigens auf deutscher Schule basierte, aber natürlich war unser Ziel immer der Belcanto.

Belcanto ist heute auch Ihre Domäne. Aber inzwischen werden Ihnen ja schon andere Fächer angeboten. Haben Sie nicht Angst, dass ihre Belcantostimme darunter leidet?

Man muss immer bereit sein, nach vorn zu schauen, Neues zu wagen und auch Risiken einzugehen. Aber ich glaube, dass mir das spezifisch belcantische Singen angeboren ist. Es ist meine indivi­­duelle Ausdrucksform, mit der ich auch Partien bewältigen werde, die keine eigentlichen Belcantopartien sind. Wenn man Partituren genau liest und über die richtige Technik und eine gut sitzende Stimme verfügt, dann kann man allerdings fast alles belcantisch – will sagen ohne zu forcieren und auf Lautstärke und Kraftmeierei zu setzen – singen. Viele Sänger singen leider nicht die Pianissimi, die die Komponisten in den Partituren vorschreiben. Und riskieren und ruinieren dabei ihre Stimme. Das wird mir nicht passieren!

Dennoch: Wenn Belcanto-Sänger dramatischere Partien – sagen wir Lohengrin, Werther oder Hoffmann – singen, leidet nicht selten ihre Stimme hörbar. Haben Sie davor keine Angst?

Auch im Belcanto gehört zur Oper Leidenschaft, eine große Farb- und Ausdruckspalette und Dramatik. Das darf man nie vergessen. Die Übergänge sind doch fließend. Entscheidend ist, dass man sich nie zu sehr verausgabt, nie über seine Möglichkeiten singt, und dass man seine Stimme mit ihren Möglichkeiten und Grenzen genau kennt und sie nie überschätzt oder überfordert.

Sie haben im Augenblick eine der schöns­ten Tenorstimmen. Sie werden mit Angeboten überhäuft. Fällt es Ihnen leicht, «Nein» zu sagen?

Als ich meine Karriere am Teatro La Fenice in Venedig begann, bot mir Maestro Siciliani schon nach kürzester Zeit alle großen Partien an. Das war verführerisch. Aber ich habe zu allen Nein gesagt. Wenn ich das als Anfänger schon konnte, kann ich es doch aus meiner heutigen Position heraus erst recht. Ich allein bin derjenige, der entscheidet, wann ich stimmlichen Selbstmord begehe! Und auch wenn ich mal schlecht singe, ist das einzig und allein meine Schuld.

Jeder Sänger singt gelegentlich schlecht. Das Geheimnis jeder langen Karriere liegt in der Kunst der sängerischen Ökonomie, also in der Selbstbeschränkung. Bestes Beispiel der von Ihnen erwähnte Alfredo Kraus.

In gewissem Sinne ist er ein Vorbild für mich. Ich singe sein Repertoire, und wie er lege ich grundsätzlich nach jedem Auftritt einen Ruhetag ein. Der Unterschied zwischen uns ist der, dass meine Stimme wesentlich lyrischer ist. Aber mit dramatischen Reserven. Ich möchte schon irgendwann einmal das Spinto-Fach Verdis singen: «Bohème», «Maskenball» und so weiter.

Lassen Sie Ihre Stimme eigentlich noch von einem erfahrenen Gesangslehrer kontrollieren?

Ich habe leider nicht das Glück, dass meine Lehrer in Europa leben, sondern in Argentinien. Aber ich höre mir sehr genau an, was mir die großen opern­erfahrenen Dirigenten – Abbado, Mehta, Muti, Levine, um nur vier zu nennen, die für mich sehr wichtig sind -, aber auch die Operndirektoren, die Coaches und Repetitoren raten. Ein besonderes Glück war es, dass ich den Alfredo in ­einer «Traviata»-Produktion singen durfte, die Plácido Domingo dirigierte. Von ihm habe ich sehr viel gelernt. Aber es kommt immer zunächst darauf an, was man persönlich anzubieten hat und wie weit man hinzuzulernen bereit ist. Wenn man sich selbstkritische Offenheit bewahrt, kann man von Vielen Vieles lernen.

Nun ist heute der Dirigent nicht mehr das, was er früher einmal war, als er oft noch persönlich am Klavier mit den Sängern Partien einstudierte. Viele heutige Dirigenten verstehen erschreckend wenig vom Singen und sind auch gar nicht so sehr an der Arbeit mit Sängern interessiert. Zumal im internationalen Jet-Set-Opernbetrieb.  

Ich hatte das Glück, dass vor allem Dirigenten auf mich zukamen, die unbedingt mit mir arbeiten wollten, die meine Stimme faszinierte. Und sie haben sich eigentlich immer sehr um mich bemüht. Und von diesen Dirigenten lerne ich sehr viel. Oft ist es sogar so, dass mich diese Dirigenten fest an sich, ihre Produktionen oder sogar an ihr Haus binden möchten. Aber ich lasse mich von niemandem in Ketten legen. Ich möchte von verschiedenen Dirigenten profitieren, und schließlich habe ich die Pflicht, an den verschiedensten Orten meinem Publikum zu dienen. Ich verstehe meinen Beruf als Künstler so, dass ich mich nicht einengen und binden lassen darf, denn ich bin allen verpflichtet, ich muss überall zu hören sein.

Verstehen Sie diese Verpflichtung als eitle Herausforderung oder als demütiges Dienen einer Kunst?

Es ist schlicht gesagt meine Mission! Gottlob habe ich sie – spät aber immerhin – erkannt und verwirklicht. Ich habe die Aufgabe, den Menschen in einer keineswegs heilen Welt etwas Licht und Freude zu bringen. Ich bin mir meines Privilegs, diese Berufung leben zu dürfen, bewusst. Und bin dankbar, ja in einem gewissen Sinne sogar demütig. Aber man braucht in meinem Beruf auch eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein. Was allerdings nicht beinhaltet, sich über andere zu erheben oder auf andere herabzuschauen. Kein Sänger sollte sich zu wichtig nehmen! Vor allem nicht im Umgang mit Kollegen. Sich selbst – jenseits der Bühne – zum Kunstwerk zu stilisieren, ist lächerlich.

Viele Sänger werden von ihren Plattenproduzenten zu Markenzeichen und Verkaufsschlagern stilisiert. Welche Rolle spielt für Sie die CD?

Hand aufs Herz: Heute kommt kein Tenor an CD-Präsenz vorbei. Wer keine gute Schallplattenfirma hinter sich hat, hat keine Chance im internationalen Geschäft. Man kann so gut singen, wie man will, aber ohne eine Lancierung durch ein renommiertes Label kann man heute keine Weltkarriere machen.

Sie haben ja keineswegs nur Belcanto aufgenommen, sondern auch beispielsweise Schlager von Carlos Gardel gesungen. Können Sie sich mit dem vielbeschworenen, kommerzträchtigen «Crossover» iden­tifizieren? Oder war das für Sie nur ein einmaliger, exotischer Ausflug in eine andere Welt?

Die Oper ist und bleibt mein Zentrum, mein Leben. Aber ein bisschen Marketing, Business und Promotion ist doch erlaubt, oder nicht?

Sie haben Bellini, Donizetti, Verdi, Gou­nods Faust und Offenbachs Hoffmann ­gesungen. Was sind Ihre weiteren mittelfristigen Pläne?

An der Scala ist bereits Puccinis «Bohème» geplant, auch Gounods «Romeo et Juliette» ist schon verabredet, und auch den Raoul in Meyerbeers «Hugenotten» singe ich bald.

Ihre angelaufene Weltkarriere verlangt ständiges Reisen. Was Sie zwangsläufig mit immer neuen Dirigenten, aber auch Regisseuren konfrontiert. Welche Rolle spielen für Sie die Regisseure?

Sie spielen sich heute leider oft in den Vordergrund und halten die Regie für wichtiger als die Musik in der Oper. Früher waren die Sänger die Diven und Primadonnen, später waren es die Dirigenten, heute sind es die Regisseure. Leider sind die Regieleistungen von heute nicht immer Sternstunden des Musik­theaters. Ich bin sicher, man wird über kurz oder lang zurückkehren zur Oper, in der das Werkverständnis aus dem Geist der Musik und des Gesangs wieder mehr im Vordergrund stehen wird.

Eine solche Karriere zu machen wie Sie, Oper zu singen auf dem Level, auf dem Sie es im Opernbetrieb praktizieren, erfordert viel Verzicht auf das, was man gemeinhin Privatleben nennt. Woher nehmen Sie die Kraft dafür?

Ich bin glücklich, sagen zu dürfen, dass meine Familie immer mit mir reist. Insofern bin ich nie allein. Ich lasse mich auch nicht verrückt machen von meinem Beruf. Ich vermeide, wo möglich,  Stress. Ich bin eher ein ruhiges Naturell. Auch Proben gehe ich ruhig und konzentriert an, lasse mich von niemandem ablenken. Die Familie gibt mir Geborgenheit und die Ruhe, die ich benötige. Ich hasse gesellschaftliche Empfänge, Bälle oder Partys. Wenn Sie wollen, ist auch das eine Gemeinsamkeit mit Alfredo Kraus. Als mein Platten-Produzent mich nach Abschluss des Vertrages fragte, was für ein Image wir mir geben sollten, sagte ich: «antidivo», bitte so natürlich wie möglich!

Dieter David Scholz / Opernwelt / Juni 2001