Tenor der Sinne – 23-11-2009 – from www.crescendo.de

Tenor der Sinne

23. November 2009

Der Argentinier Marcelo Álvarez (47) verkaufte früher Möbel, jetzt ist er auf dem Weg der neue Alfredo Kraus zu werden. Ein Gespräch über die Schwierigkeit des Anfangs, die Rolle seiner Frau und warum die Oper das Maß aller Dinge bleibt.

Von Antoinette Schmelter de Escobar

Angeblich mag Marcelo Álvarez keine Interviews. Davon merkt man ihm beim Gespräch in der Deutschen Oper Berlin aber nichts an.

Von der ersten bis zur letzten Sekunde sprudeln die Worte auf Spanisch aus dem 47-Jährigen heraus, als er enthusiastisch und mit viel Körpereinsatz über seinen ungewöhnlichen Weg an die Spitze spricht.

crescendo: Sie sind gerade sehr spontan für drei Vorstellungen an der Deutschen Oper Berlin, um im “Maskenball” Gustav III. zu singen. Ist es schwierig, derart kurzfristig in eine Produktion einzusteigen?

Marcelo Álvarez: Sehr schwierig. An so eine Rolle passt sich die Stimme nicht leicht an. Aber wenn ich das Angebot nicht akzeptiert hätte, hätte ich vielleicht zwei Jahre auf ein neues warten müssen. Also bringe ich das Opfer.

crescendo: Haben Sie es schon bereut?

Álvarez: Nein nein. Man kommt mir hier mit tollen Arbeitsbedingungen entgegen: Respekt und Ruhe.

crescendo: Wenn man sich Ihre bisherige Karriere ansieht, ist da aber wenig “Ruhe” zu erkennen …

Álvarez: Eigentlich hätte ich meine Karriere langsam beginnen wollen. Aber zwei Jahre nach meinem Debüt 1995 im La Fenice in Venedig habe ich schon in allen großen Theatern der Welt gesungen. Es stimmt: Seither habe ich nie mehr angehalten – immer neue Angebote, Repertoire-Wechsel, keine Debüts an kleinen Häusern. Ich war sehr exponiert, habe dem Publikum mein Können genauso wie meine Fehler gezeigt.

crescendo: Haben Sie denn welche?

Álvarez: Natürlich, man lernt nie aus. Zum Beispiel habe ich immer wieder nach bestimmten Tönen gesucht. Wenn man das Stimmfach von lyrisch zu dramatisch wechselt, muss man wachsen.

crescendo: Sie haben einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Erst mit 30 debutierten Sie als Sänger. Was haben Sie davor, in Ihrem ersten Leben, gelernt?

Álvarez: Naja, zum Beispiel, wie man wirtschaftet. Wenn hier heute über die Krise geklagt wird, kann ich nur lachen. Wie kann man von einer Krise sprechen, wenn Autobahnen, Theater und Hotels voll sind? In Argentinien hatten wir immer wieder mit viel härteren Krisen zu kämpfen. Aber zu Ihrer Frage: Ich war vor meiner Zeit als Tenor ein gestresster Manager einer Möbelfabrik. Allerdings war ich nicht glücklich in dieser Rolle. Als Sänger habe ich eine neue, eine andere Welt entdeckt.

crescendo: Welche Rolle spielte dabei Ihre Frau?

Álvarez: Sie war es, die wusste, dass etwas anderes in mir steckt und mich zum Umdenken drängte. Nachdem ich ihr von meinem Faible für das “Singen” erzählt hatte, machte sie sich auf die Suche nach einer Möglichkeit für ein Vorsingen.

crescendo: Hatten Sie Ihre Frau mit Ihrem Gesang verzückt?

Álvarez: Wenn ich ehrlich bin, habe ich damals nur andere Sänger bei Karaoke-Abenden imitiert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und Erfahrungen vor Publikum beschert. Als meine Frau merkte, dass es mir mit dem Singen ernst ist, hat sie mich überredet, die Möbelfabrik zu verkaufen.

crescendo: Wie man hört, hatten Sie in Argentinien erst einmal einen schweren Stand …

Álvarez: Wenn man es genau nimmt: Ich habe drei Mal im Teatro Colón vorgesungen und bin rüde abgewiesen worden. Erst als mich Giuseppe Di Stefano und Pavarotti nach Europa einluden, wurde auch das Colón auf mich aufmerksam. Doch da hatte ich mich schon entschieden, nach Italien zu gehen.

crescendo: Wie fühlt man sich dort als Südamerikaner?

Álvarez: Ich erinnere mich daran, wie ich mit meiner Frau ratlos auf dem Domplatz in Mailand saß, nur 6000 Dollar in der Tasche hatte und kein Italienisch sprach. Aber dann gewann ich einen Gesangswettbewerb und bekam auf Anhieb gute Engagements.

crescendo: Musikalisch gesehen waren Sie ja im Paradies – Italien, das Land der Oper …

Álvarez: So habe ich es ehrlich gesagt nicht erlebt. Meine Aufführung von “Tosca” an der Metropolitan Opera wurde in 44 Länder übertragen – außer nach Italien, wo sich niemand dafür interessierte.

crescendo: Warum leben Sie dann dort?

Álvarez: Weil es von allen europäischen Ländern das mit dem stärksten Latino-Anteil ist. Das Klima dort kommt mir entgegen, das Essen auch. Das Problem von Italien ist, dass man sich dort lange als Afrika Europas gefühlt hat. Um zu zeigen, dass die Italiener auch etwas gelten, sind sie so abgehoben geworden, dass sie ihre Prinzipien verloren haben – den Instinkt, das Menschliche.

crescendo: Wie fühlen Sie sich heute auf der Bühne?

Álvarez: Singen hat für mich sehr viel mit Energie zu tun. Dabei fühle ich mich wie durch Magie mit einer höheren Macht verbunden. Bei diesem Prozess spielt aber auch meine Frau eine Rolle, die immer am Rand der Bühne steht und ein Teil meiner positiven Energie ist. Allein würde ich nicht so “leuchten”.

crescendo: Welche Art von Musik besitzt für Sie die stärkste Kraft?

Álvarez: Die Oper. Denn bei ihr kommt noch der Energieaustausch mit den Kollegen und dem Orchester dazu.

crescendo: Haben Sie schon alle Traumrollen gesungen?

Álvarez: Was ich im Kopf habe, ist weit von dem entfernt, was ich momentan tue.

crescendo: Wie meinen Sie das?

Álvarez: Es gibt Töne und Techniken, die ich noch nicht beherrsche, die ein Ideal sind und vielleicht auch bleiben werden. Deshalb übe ich jeden Tag, gebe nicht auf.

crescendo: Ist Verdi ein Teil dieser Suche?

Álvarez: Ja. Verschiedene große Maestros haben zu mir gesagt, dass ich die richtige Stimme für Verdi besitze, nicht nur für Belcanto. Davon habe ich mich peu à peu selbst überzeugt und lege so viele Farben wie möglich in seine Werke. Dass Verdi immer nur mit großen Opern, Orchestern, Bühnen und Stimmen verbunden wird, ist falsch. Meiner Ansicht nach, gibt es bei ihm viel mehr Nuancen.

crescendo: Fühlen Sie sich sicher mit dem, was Sie jetzt tun?

Álvarez: Sicher nicht, aber ruhiger, weil ich weiß, dass ich auf einem Niveau bin, wo mir die Technik viel hilft.

crescendo: Glauben Sie an die Zukunft der Oper?

Álvarez: Seit Jahren spricht man über ihren Tod. Trotzdem strömen Menschen in die Aufführungen. Ich glaube nur, dass die Menschen in Krisen-Zeiten selektiver sind.

crescendo: Welche Rolle spielt das Live-Erlebnis?

Álvarez: Die Oper ist einer der wenigen Orte, wo Klang ohne Technik zu hören ist. So können die Schallwellen ohne Umwege zum Publikum gelangen, noch stärker wirken.

crescendo: Was heißt das im Klartext?

Álvarez: Vor einiger Zeit kam eine 90-Jährige zu mir, gab mir die Hand und sagte: “Ich habe nicht mehr viel Kraft. Aber jetzt nach Ihrem Konzert kann ich in Ruhe sterben.” Mehr Bestätigung kann man sich nicht wünschen.